Tinnitus und Zahnheilkunde
   

Bedeutung der Unterkieferfunktion bei Tinnitus

Die genaue Ursache für einen akuten Tinnitus zu diagnostizieren, ist in der ambulanten Praxis aufgrund des komplexen und vielschichtigen in Frage kommenden Ursachengeflechts, ein oft sehr langwieriges und von vielen Zwischenstationen geprägtes Unterfangen. Eine mögliche Ursache, die immer noch viel zu häufig bei der Diagnostik außer acht gelassen wird, ist die Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) des Kauorgans.


Unter CMD versteht man eine Dysbalance, die zwischen dem Kauorgan, insbesondere dem Kiefergelenk und den muskulären und Nervensystemen des Kopfes entstanden ist. Durch diese Dysbalance besteht die Möglichkeit der Fortleitung weiterer schwerwiegender Störungen im Kopfbereich über Fehlfunktionen und Fehlstellungen im Kauorgan. Zwischen Kiefergelenk und Innenohr, deren Nähe schon anatomisch bedingt ist, gibt es eine Reihe von muskulären und nervalen Verbindungen. Die hochdifferenzierten Steuerungsvorgänge der Kiefer- und Kaubewegungen erfordern zu ihrer Regulierung ständige Impulse vom Zentralnervensystem. Dadurch, dass Störungen in diesem Bereich permanente Gegenregulationsmaßnahmen des Zentralnervensystems verlangen, kann es zu Fehlregulationen von Seiten des Zentralnervensystems kommen, die wiederum Schmerzsyndrome sowie Tinnitus verursachen können.

 

In den letzten Jahren ist ein gehäuftes Vorkommen von Tinnitus bei CMD-Patienten festzustellen, wie Privat-Dozent Dr. med. Andreas Vogel in seinem Vortrag bei dem 4. Tinnitus-Symposium im Fachklinikum Brandis berichtete. Aus diesem Grund verlangen auch die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Kopf-, Hals- und Kieferchirurgie von 1996 eine Aufnahme der orientierenden Untersuchung des Gebisses und des Kauapparates in die Diagnose von Tinnitus.

 

Dr. Vogel führte weiter aus, dass eine richtige Durchführung dieser Untersuchung dabei jedoch Voraussetzung ist. Eine objektive reproduzierbare Methode der Überprüfung der physiologischen Stellung des Unterkiefers stellt in diesem Zusammenhang das von ihm entwickelte Messsystem DIR dar. Es handelt sich bei der DIR (dynamische intraorale Registrierung) System Software um eine Weiterentwicklung der instrumentellen Funktionsanalyse mithilfe eines elektronischen Stützstiftes, basierend auf sämtlichen medizinisch wissenschaftlichen Nachweisen von Dr. Vogel. Bei dem Messvorgang wird die physiologisch korrekte Stellung des Unterkiefers mithilfe eines Sensors registriert und in eine Computer-Darstellung überführt. Dem Zahnarzt / Zahntechniker werden so die Grundlagen für die weitere Therapie geliefert. Beim Vorliegen einer Dysfunktion ist der erste Behandlungsschritt eine Schienentherapie als eine reversible Therapie. Im Verlauf vieler Jahre konnte beobachtet werden, dass sich auch ein akuter Tinnitus mit dieser Therapie beheben bzw. verbessern ließen. Dr. Vogel wies darauf hin, dass die Zusammenarbeit auf diesem Gebiet mit dem Fachklinikum Brandis ausgebaut und systematisiert werden soll, um wissenschaftlich aussagefähige Ergebnisse vorgelegen und damit das noch in vielen Aspekten unklare Bild des Tinnitus möglicherweise ein Stück aufhellen zu können.

 

Im Fachklinikum Brandis erfolgt die Therapie der Craniomandibulären Dysfunktion in einem individuell erstellten Konzept, das verschiedenste Ansatzpunkte umfasst. Im Zentrum der Therapie stehen die Aufklärung des Patienten und die Schonung des Kausystems durch Vermeidung von Parafunktionen. Letzteres wird dadurch erreicht, dass der Patient eine korrekte Unterkieferhaltung erlernt. Hierbei kann es nötig sein, dass der Patient (überwiegend nachts) eine speziell für ihn angefertigte Aufbissschiene trägt, die die Kieferfehlstellung korrigiert. Ergänzend dazu können mit dem Patienten physiotherapeutische Dehnungsübungen durchgeführt werden. Zur Verringerung der Muskelanspannung und auch zur psychischen Entspannung erlernt der Patient autogenes Training, progressive Muskelralaxtion oder Atementspannungsübungen.

Begleitende psychologische Maßnahmen sind besonders wichtig, wenn – wie häufig bei den ins Fachklinikum Brandis überwiesenen Patienten – Tinnitus als Folgesymptom der CMD aufgetreten ist. Einerseits kann eine Ursache für die CMD und damit indirekt auch für den Tinnitus in nächtlichem Zähnepressen oder –knirschen liegen, die durch psychische Schwierigkeiten, wie zum Beispiel unbewältigte Aggressionen oder Stressfaktoren, ausgelöst werden. Andererseits wirkt auch der Tinnitus auf die psychische Stabilität der Betroffenen und ruft zum Teil Schlafstörungen, Erschöpfungszustände, Geräuschüberempfindlichkeit, Angst und depressive Verstimmung bis hin zur Suizidgefährdung hervor. Hier wirken die kognitive Verhaltenstherapie und ein Stressmanagement entgegen.

Dr. med. Volker Rust, Ärztlicher Direktor des Fachklinikum Brandis:

„Das Therapiekonzept des Fachklinikum Brandis trägt sowohl der Vielgestaltigkeit der Erkrankung als auch der Vielzahl der möglichen Ursachen durch einen integrativen Ansatz Rechnung. Der Vorzug des Klinikums liegt in der engen Verbindung internistischer, orthopädischer, neurologischer und psychologischer Kompetenz.“

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