

Chronische Schmerzen sind aus dem Arbeitsalltag eines Allgemeinmediziners nicht mehr wegzudenken. Immer mehr Patienten klagen über Rücken-, Kopf- oder Gliederschmerzen. Die Ursachen der Beschwerden können vielfältig sein und bleiben häufig unklar. Wissenschaftliche Studien belegen, dass chronifizierte Schmerzen nur durch ein ganzheitliches Behandlungs-konzept, unter Berücksichtigung medizinisch somatischer, psychosozialer und trainingswissenschaftlicher Erkenntnisse zum Erfolg führen kann. Das Fachklinikum Brandis verfolgt bei der Behandlung seiner Schmerzpatienten genau diesen Ansatz. Mehr darüber erfahren wir in einem Interview mit Frau Dr. Karen Nöcker, Fachärztin für Orthopädie.
Frau Dr. Nöcker, chronische Schmerzen haben selten nur eine Ursache. Das macht die Diagnose oftmals zu einem komplizierten Unterfangen. Wie gelingt es Ihnen, die auslösenden Faktoren trotzdem zu ermitteln?
Die Diagnostik chronischer Schmerzen ist für jeden Behandler eine Herausforderung. Dank der Zunahme neurophysiologischer Kenntnisse über die Schmerzentstehung und Schmerzaufrechterhaltung in den letzten 10 Jahren gelingt nun auch eine detailliertere Diagnostik mit der Entwicklung eines individuellen Therapieplanes. Der Mensch, immer wieder als bio-psycho-soziale Einheit beschrieben, muss gerade als solche bei Vorhandensein langzeitiger Schmerzzustände gesehen werden. Wir müssen während der Heilbehandlung die somatischen, vor allem aber die psychischen und die sozialen Chronifizierungsfaktoren des Patienten herausarbeiten, da die somatische Diagnostik Domäne der ambulanten und stationären Akutmedizin und diese bei Rehabilitationsantritt meist schon abgeschlossen ist. Die ausführliche Anamnese sowie die symptombezogene, exakte körperliche Untersuchung sind nach wie vor die wichtigsten Bausteine der Diagnostik.
Welchen Stellenwert hat dabei die interdisziplinäre Zusammenarbeit?
Aus der multifaktoriellen Schmerzentstehung und -unterhaltung ergibt sich die Wichtigkeit eines interdisziplinären Vorgehens mit ganzheitlichem Therapieansatz. Denn nur die Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen ermöglicht eine umfassende und zielgerechte Therapie des Patienten.
Wann werden Schmerzen chronisch?
Schmerz wird von der Internationalen Association of the Study of Pain (IASP) als chronisch definiert, wenn er zwischen 3 und 6 Monate andauert und Beeinträchtigungen im kognitiven, emotionalen, sozialen und psychologisch-organischen Bereich bedingt. Dies ist nur eine von zahlreichen Definitionen des chronischen Schmerzes.
Welche Behandlungsmaßnahmen wenden Sie bei Patienten mit chronischen Schmerzen an?
Es darf bei der Behandlung chronischer Schmerzen kein einheitliches, gar standardisiertes Behandlungsschema geben. In Abhängigkeit von der Schmerzstärke sollte in der Rehabilitation eine suffiziente medikamentöse Schmerztherapie kombiniert werden mit der Gabe von Myotonolytika und einen Psychopharmakon, stabilisierender Krankengymnastik, medizinischer Trainingstherapie, Elektrotherapie, Entspannungsverfahren wie beispielsweise der Progressiven Muskelrelaxation (PMR) und psychologischen Einzel- und Gruppengesprächen sowie einer umfassenden sozialen Betreuung. Auch der Einsatz von Kryo-, Thermo-, Manual-, Neuraltherapie und Akupunktur kann bei der Behandlung von Patienten mit chronischen Schmerzen sehr hilfreich sein. Wichtig ist auch, dass die Patienten Übungen erlernen, die sie zu Hause täglich fortführen können und müssen, wie beispielsweise stabilisierende Krankengymnastik und Entspannungsübungen.
Viele Schmerzpatienten sind im hohen Maße abhängig von Schmerzmedikamenten, den so genannten Analgetika. Wie können Sie dem entgegenwirken?
Die Abhängigkeit von Schmerzmedikamenten wird allgemein befürchtet, und so verzichten viele Betroffene auf die bereits zu Beginn der so genannten Schmerzkarriere vom Haus- oder Facharzt verordnete Medikation. Diese Einstellung ist aber völlig falsch und ebnet erst dem Schmerz den Weg in die Chronifizierung. Fazit: Sinnvoll ist es in jedem Fall, bei Schmerzbeginn sofort ein hoch dosiertes Medikament einzunehmen, was meist nur sehr kurze Zeit erforderlich ist. Auch während der Rehabilitation ist eine ausreichende Schmerzmedikation erforderlich, denn durch Schmerzlinderung sind krankengymnastische Übungsbehandlungen, medizinische Trainingstherapien und auch Entspannungsverfahren wesentlich wirksamer.
Welches Ziel streben Sie bei der Behandlung der Schmerzpatienten im Fachklinikum Brandis an?
Wesentliches Ziel unserer Behandlung bei chronischen Schmerzpatienten ist die Linderung ihrer Schmerzen, wobei wir uns hüten, den Patienten Schmerzfreiheit zu versprechen. Durch die ganzheitliche Behandlung lernt der Patient, mit seinen chronischen Schmerzen umzugehen, den physiopsychischen Signalen seines Körpers Beachtung zu schenken und seine eigenen Leistungsgrenzen zu finden.













