

aus: BUNTE 50 / 2006
Hörsturz: dieses Leiden befällt viele Prominente, scheint zur Krankheit der Erfolgreichen zu werden. Denn: Menschen auf Chefsesseln und in Vorstandsetagen sind besonders häufig von diesem akuten Verlust des Hörvermögens betroffen. Mögliche Erklärung: Stress soll einen Hörsturz auslösen können – auch wenn das wissenschaftlich noch nicht hieb- und stichfest untermauert ist. Wie dramatisch ein Hörsturz das Leben (vorübergehend) verändern kann, erfuhr der Politiker Matthias Platzeck. Nach einer Phase, in der ein Termin den anderen hetzte, fiel plötzlich das Gehör des damaligen SPD-Parteivorsitzenden aus. Platzeck entschied: Das reicht – und räumte seinen Parteichef-Stuhl. Auch Ex-Eislaufstar und Schauspielerin Tanja Szewczenko erlitt einen Hörsturz und danach einen Tinnitus – also ein Ohrgeräusch, das oft in der Folge eines Hörsturzes auftritt. Was ist die Ursache eines Hörsturzes? Wie hängt er mit dem Phänomen Tinnitus zusammen? BUNTE sprach mit Professor Dr. Wolfgang Arnold, Ordinarius der HNO-Klinik des Klinikums Rechts der Isar der TU München und unter anderem Spezialist für die Diagnose und Therapie beider Erkrankungen.
Diagnose Hörsturz: Was steckt hinter diesem Begriff?
Mit Hörsturz bezeichnet man den plötzlichen Wegfall von Anteilen des Hörvermögens oder auch der gesamten Hörfähigkeit, in der Regel auf einer Seite.
Auch im ungünstigsten Fall ist man also nicht urplötzlich taub?
Nein, so heftig kommt es meist nicht. In der Regel beschränkt sich der Hörverlust, wie erwähnt, auf ein Ohr. Dennoch ist ein Hörsturz für den Betroffenen subjektiv ein dramatisches Ereignis.
Und objektiv? Besteht die Gefahr, dauerhaft zu ertauben?
Nein, in der Regel lässt sich ein Hörsturz gut behandeln. Bei etwa acht von zehn Betroffenen bessert sich das Beschwerdebild schon innerhalb der ersten drei Tage deutlich.
Also Entwarnung?
Auch nicht. In jedem Fall muss man abklären, ob hinter diesem Phänomen eine ernste Ursache steckt. Immerhin ist es in seltenen Fällen möglich, dass ein bislang unerkannter Hirntumor ein Blutgefäß so zusammendrückt, dass die Innenohr-Durchblutung ausfällt. Auch der Verschluss einer großen Hirnarterie kann das Gehör ausschalten. Speziell bei jungen Frauen kann ein Hörsturz erstes Symptom einer Multiplen Sklerose sein. Daneben gibt es noch viele andere Ursachen, die man sorgfältig abklären muss. Sie sind aber selten.
Welche Ursachen sind häufig?
Den eigentlichen und klassischen Hörsturz bezeichnet man als idiopathisch. Mit diesem Wort beschreiben Mediziner alles, dessen eigentliche Ursache sie nicht kennen.
Die Experten tappen also im Dunkeln?
Das auch nicht. Man weiß schon, dass ein Hörsturz mit einer akuten Funktionseinschränkung von bestimmten Teilen des Innenohrs einhergeht. Man kann nur noch nicht schlüssig erklären, warum diese so urplötzlich auftritt – und dann auch wieder verschwindet, das Hörvermögen also oft spontan wiederkehrt.
Aber es gibt sicher Thesen. Spekulieren Sie doch mal ein bisschen.
Eine These lautet, dass eine Virusinfektion zu einer Entzündung der Blutgefäße führt, die das Innenohr versorgen, und dass dies dann die Durchblutung im Ohr herabsetzt. Außerdem kennt man einige Faktoren, die einen Hörsturz begünstigen.
Zum Beispiel?
Eine Infektion mit Borrelioseerregern, starker Lärm oder übermäßige Anstrengung, chronische Infekte der Nasennebenhöhlen oder auch die Einnahme bestimmter Medikamente, speziell Antibiotika vom Aminoglykosid-Typ oder Aspirin in Überdosierung.
Was ist mit Stress als Auslöser?
Der wird immer wieder angeschuldigt, seine Rolle ist aber bis heute nicht bewiesen. Es wäre aber nicht unlogisch.
Warum?
Stress schwächt die Immunabwehr und fördert beispielsweise Virusinfekte. Ich selbst hatte während meiner Habilitation einen Hörsturz. Übrigens geht man auch therapeutisch von der Schlüsselrolle einer Entzündung bei Hörsturz aus. Man gibt nämlich Kortison plus Sauerstoff.
Warum gerade diese Kombination – und was bewirkt sie?
Kortison ist die stärkste entzündungshemmende Substanz. Dass sie gut wirkt, unterstützt die Entzündungsthese bei der Entstehung des Hörsturzes. Sauerstoff geben wir mit Überdruck über eine Maske. Diese Behandlung wirkt auch bei Tinnitus, der ja oft nach einem Hörsturz auftritt.
Tinnitus – was ist das genau?
Mit Tinnitus bezeichnet man ein dauerhaftes, mehr oder weniger lautes Ohrgeräusch, das nur der Betroffene wahrnimmt. Bei dem Geräusch kann es sich um ein Piepsen oder Pfeifen handeln, um Rauschen oder Summen. Dieses Ohrgeräusch taucht ja oft nach einem vorangegangenen Hörsturz auf.
Kennt man inzwischen den Zusammenhang zwischen beiden Phänomenen? Dazu gibt es ganz neue Erkenntnisse. Man geht davon aus, dass durch die Schädigung von Hör-Sinneszellen beim Hörsturz bestimmte Reglermechanismen im Gehirn überaktiv werden. Diese sind verantwortlich für den Tinnitus-Ton.
Dauernder Lärm im Ohr – ist das nicht die Hölle?
So dramatisch erleben die Betroffenen den Tinnitus zum Glück meist nicht. Viele gewöhnen sich gut daran, ähnlich wie an Straßenlärm im Hintergrund. Den nimmt man irgendwann auch nicht mehr wahr. Genauso kann man auch den Tinnitus einfach überhören.
Welche Hilfe gibt es für Betroffene, die das nicht schaffen?
Es gibt einige technische Hilfsmittel. Die sogenannten Tinnitus-Masker sind kleine Geräte, die wie Hörgeräte aussehen und in den Gehörgang platziert werden. Sie produzieren ein Dauergeräusch, das etwas lauter ist als der Tinnitus.
Hört sich nach Terror und Gegenterror an.
So ist es aber nicht. Die Betroffenen lernen nach einiger Zeit, sich an das künstliche Geräusch zu gewöhnen und gleichzeitig den eigenen Tinnitus zu überhören. Bei Menschen, die das gar nicht schaffen, stecken oft andere Probleme dahinter. In diesen Fällen kann eine psychosomatische Therapie helfen.
Autor: Dr. med. Volker Rust












