

aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Hörsturz
Der Hörsturz (englisch: idiopathic sudden sensoneurinal hearing loss, abgekürzt ISSHL) ist eine ohne erkennbare Ursache (idiopathisch), plötzlich auftretende, meist einseitige aber auch beidseitig auftretende Schallempfindungsstörung. Der Schweregrad des Hörsturzes bemessen am Hörverlust kann nur sehr leicht sein oder bis zur völligen Gehörlosigkeit reichen. Er kann alle Frequenzen betreffen oder auch auf bestimmte Frequenzbereiche begrenzt sein. Vom Hörsturz sind Hörverlust durch feststellbare Ursachen bei strenger Anwendung der Definition abzugrenzen. Bei Nicht-Ausgrenzung anderer Ursachen lassen sich für den Hörsturz eine Vielzahl von Ursachen feststellen, wobei sich gesicherte Aussagen auf der Basis von groß angelegten Untersuchungen nur schwer treffen lassen. Die Prognose des Hörsturzes ist sehr variabel; die Mehrheit der wenigen Untersuchungen stellt jedoch eine im Vergleich zu anderen Erkrankungen oder Symptomen relativ hohe Spontanheilungsrate fest. Eine zuverlässige Differenzierung zwischen Hörstürzen mit Spontanheilung und Hörstürzen ohne Spontanheilung gelingt sicher nach gegenwärtigem Kenntnisstand nicht. Der Hörsturz wird mit einer Vielzahl von Therapien behandelt, deren Wirksamkeit in der Mehrzahl nicht wissenschaftlich stichhaltig bewiesen ist.
Symptome
Charakteristisch und definierend ist ein plötzliches, meist einseitiges Auftreten des Hörverlustes. Auslösende oder verursachende Faktoren lassen sich nicht mit Sicherheit feststellen. Ein einseitiges Druckgefühl im betroffenen Ohr und ein Ohrgeräusch (Tinnitus) auf dieser Seite (meist hochfrequent) können erste Vorboten sein. Der Hörsturz ist niemals von Ohrenschmerzen (Otalgie) begleitet: bei einer einseitigen, plötzlichen Hörminderung mit Ohrenschmerzen muss an eine andere Diagnose gedacht werden.
Parallel zum Hörsturz können auch andere Symptome allein oder gleichzeitig auftreten:
- Ohrgeräusche (Tinnitus) - 80%
- Druckgefühl im Ohr Haut wie betäubt (Nervus facialis) oder "wie Watte"/wattig - 50%
- Schwindelgefühl (Vertigo) - 30 %
- Doppeltonhören – ein Ton wird auf dem einen Ohr normal, auf dem anderen (erkrankten) Ohr höher oder tiefer gehört - 15%
Ursachen und Risikofaktoren
Der genaue Entstehungsmechanismus von Hörstürzen konnte bisher noch nicht eindeutig geklärt werden. Vermutet wird ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die zu einer Änderung der Durchblutungsverhältnisse am Innenohr führen. Hier befinden sich die für das Hören zuständigen Sinneszellen, die so genannten Haarzellen. Die Haarzellen werden durch kleine Blutgefäße mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Kommt es in diesen Blutgefäßen zu einer Mangeldurchblutung, werden die Haarzellen geschädigt und in ihrer Funktion erheblich beeinträchtigt. Hörverlust ist die Folge.
Darüber hinaus werden Virusinfektionen, Autoimmunerkrankungen und ein Durchbruch (Ruptur) der runden Fenstermembran als eventuelle Ursachen des Hörsturzes diskutiert.
Mögliche Ursachen:
- Virusinfektionen, wie zum Beispiel Mumps, Herpes oder HIV
Zu dem Zusammenhang zwischen Virus-Infektionen und Hörsturz sind widersprüchliche Untersuchungsergebnisse veröffentlicht worden. Ausschließlich basierend auf den veröffentlichen Daten, ist ein solcher Zusammenhang eher unwahrscheinlich. - Durchblutungsstörungen wie beispielsweise Embolien, Gerinnungsstörungen, Schlaganfälle bzw. Hirnschläge, vermehrte Dickflüssigkeit des Blutes (Hyperviskosität), Gefäßveränderungen im Innenohr
Diese entstehen zum Beispiel im Rahmen der allgemeinen Arteriosklerose, bei Diabetes Mellitus, der besonders kleine Gefäße verändert, bei seltenen Entzündungen der Gefäßwände auf dem Boden einer Autoimmunerkrankung usw. Hier kommt es demnach zum plötzlichen Gefäßverschluss mit Bildung von Blutgerinnseln, so dass die Durchblutung des Innenohres gestoppt wird. - zu niedriger oder zu hoher Blutdruck
- Stress
Hier werden vermehrt Katecholamine (Adrenalin) ausgeschüttet, die zu Gefäßkrämpfen führen und eventuell die Durchblutung des Innenohres drosseln oder ganz unterbinden könnten. Von Dauer und Ausmaß dieser Krämpfe hängt es demnach ab, ob die Symptome anhalten und ob eventuell Schäden zurückbleiben. Neben diesem Mechanismus kann Stress auch auf unbekannte Weise ohne Veränderungen der Katecholamine zur Entstehung eines Hörsturzes beitragen bzw. diesen verursachen. - Einblutungen und Verletzungen
- Schädigungen des Innenohrs nach Bestrahlung
- Tumoren des 8. Hirnnerven (typischerweise Akustikusneurinome) und angrenzender Strukturen wie dem Kleinhirnbrückenwinkel
- Fehlstellungen der Halswirbelsäule, die aufgrund einer vertebragenen, basilären Ischämie zur Durchblutungsminderung der Innenohrregion führen könnten
- medikamentöse Schädigungen
- Autoimmunreaktion gegen Bestandteile des Innenohres
Es besteht eine "Überreaktion" des Immunsystems nach beispielsweise einer Infektion im Kindesalter oder während der Schwangerschaft. Es kann beispielsweise das (Neuroepithel als Fremdsubstanz erkannt und von Teilen des Immunsystems angegriffen werden.
Viele der womöglich ursächlichen Faktoren sind mittels Einzelfallberichten und Fallserien beschrieben worden. Eine groß angelegte (ausreichende Patientenanzahl) mit systematischer prospketiver Untersuchung von Risikofaktoren oder Hinweisen auf den einen oder anderen Entstehungsmechanismus ist nicht veröffentlicht worden.
Aus der Vielzahl von möglichen ursächlichen Faktoren ergibt sich die Frage, ob der Hörsturz im Sinne eines akuten Hörverlustes selbst ein Krankheitsbild oder viel mehr ein gemeinschaftliches Symptom unterschiedlicher Erkrankungen ist. Im angloamerikanischen Sprachraum werden schärfer definierte Begrifflichkeiten verwendet: der Hörsturz ohne nachweisbare andere Ursache wird als idiopathic sudden sensoneurinal hearing loss, abgekürzt ISSHL bezeichnet.
Diese "Unschärfen" in der Definition des Hörsturzes können zu enormen Problemen sowohl bei der Beurteilung der Spontanheilungsrate als auch der Effektivität jedweder therapeutischer Maßnahme führen, da gegebenenfalls Patientengruppen mit ungleichen Charakteristika mit einander verglichen werden und somit bereits unabhängig von der therapeutischen Maßnahme ein Unterschied in den zu untersuchenden Gruppen besteht.
Risikofaktoren
Gefährdet sind laut Ansicht mancher Experten insbesondere zwei Gruppen von Menschen:
- Menschen, die Risikofaktoren für einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt haben, also Übergewicht, zu hohen Blutdruck, eine Zuckerkrankheit oder eine Fettstoffwechselstörung (Cholesterin) und Raucher.
- Menschen, die vermehrt Stress ausgesetzt sind.
Ein wissenschaftlicher Beweis für diese Thesen fehlt indes. Zum oftmals postulierten Zusammenhang Stress-Hörsturz äußert sich beispielsweise der HNO-Wissenschaftler Olaf Michel in seinem Fachbuch "Der Hörsturz" wie folgt: Mangels anderer Erklärungsmöglichkeiten - der Hörsturz pflegt Menschen aus völliger Gesundheit heraus zu treffen - ist die Möglichkeit gegeben, dass eine nicht zutreffende Kausalität zwischen immer vorhandenen Stressereignissen und Hörsturz vom Erkrankten konstruiert wird.
Epidemiologie (Häufigkeit und Vorkommen)
Nach Untersuchungen von Klemm und Saarschmidt sowie Michel sind in Deutschland 15.000 Menschen pro Jahr von einem Hörsturz betroffen.
In den USA besteht eine Inzidenzrate der akuten Schallempfindungsstörung auf 5 bis 20 betroffene Menschen pro 100.000 Menschen nach Angaben von Byl, in Flandern (Belgien) und in den Niederlanden 8 bis 14 betroffene Menschen von 100.000 Menschen.
Die Verteilung des idiopathischen Hörsturzes scheint zwischen Männern und Frauen annähernd gleich zu sein. In seiner Dissertation mit Literaturanalyse hat Leins ein leichtes Überwiegen des männlichen Geschlechts unter den Betroffenen ausgemacht.
Alle Altersstufen können vom idiopathischen Hörsturz betroffen sein. Kinder und Jugendliche sind sehr selten betroffen, 75% aller Patienten sind bei Diagnose älter als 40 Jahre. Anderen Quellen zufolge treten 60% aller idiopathischen Hörstürze zwischen dem 30. und 60. Lebensjahr auf.
ICD-10-Codes
- H91.2 Hörsturz, idiopathisch
- H91.0 Hörverlust, ototoxisch
- H91.1 Hörverlust, Presbyakusis
- H91.9 Hörverlust, nicht näher bezeichnet
- H90.3 Hörverlust, Schallempfindungsstörung, beidseitig
- H90.4 Hörverlust, Schallempfindungsstörung, einseitig
- H90.5 Hörverlust, Schallempfindungsstörung, nicht näher bezeichnet
- H90.6 Hörverlust, Schallempfindungs- und Schalleitungsstörung, beidseitig H90.7Hörverlust, Schallempfindungs- und Schalleitungsstörung, einseitig
- H90.8 Hörverlust, Schallempfindungs- und Schalleitungsstörung, nicht näher bezeichnet
Autor: Dr. med. Volker Rust












